Sensationsfund in Spanien: 280 steinzeitliche Felsbilder in Höhle entdeckt
Espluga de Francolí (Spanien) – Die Höhle Cova de la Font Major in Katalonien galt bislang als erforscht und sogar beliebte Touristenattraktion – zugleich aber auch als frei von jeglicher vorgeschichtlicher Höhlenkunst. Genau in dieser Höhle wurde nun die drittgrößte Ansammlung eiszeitlicher Felsbilder entlang der Mittelmeerküste der Iberischen Halbinsel entdeckt.

Copyright/Quelle: Vergès Bosch u. Salas-Altès, Antiquity 2026
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Der Fund ist umso erstaunlicher, als dass die Cova de la Font Major keineswegs ein unbekannter oder unerschlossener Ort ist: Seit dem 12. Jahrhundert nach Christus wurde die Höhle von Menschen aufgesucht. Ab 1957 besuchten sie zunehmend Touristen, Höhlenforscher und Schatzsucher. 1993 wurde die rund 150 Kilometer westlich von Barcelona gelegene Höhle sogar zu einer touristischen Attraktion ausgebaut. Dennoch blieb die eiszeitliche Kunst an ihren Wänden über Jahrzehnte unerkannt. Mehr als sechs Jahrzehnte lang gingen Tausende Besucher unmittelbar an den gravierten Flächen vorbei. Teilweise hinterließen sie sogar eigene Namen und Jahreszahlen auf den Darstellungen, ohne deren eiszeitlichen Ursprung zu erkennen.
Vor aller Augen und dennoch unentdeckt
Nun haben der Archäologe Josep Maria Vergès Bosch und seine Kollegin Míriam Salas-Altès vom Katalanischen Institut für Humane Paläoökologie und Soziale Evolution (IPHES-CERCA), und insgesamt 280 Motive aus dem Jungpaläolithikum in der Höhle entdeckt. Die Entdeckung stellt bisherige Vorstellungen über die Verbreitung und Eigenständigkeit paläolithischer Kunst-Traditionen in Westeuropa infrage.
Wie das Team aktuell im Fachjournal „Antiquity“ (DOI: 10.15184/aqy.2026.10447) berichtet, waren die Felsbilder bislang nicht nur unerkannt, die Beschaffenheit der Höhlenwände galt für die Anfertigung paläolithischer Gravuren ungeeignet. Auch die gesamte Region galt hinsichtlich eiszeitlicher Höhlenkunst als vergleichsweise unbedeutend. Zwar findet sich auf der Iberischen Halbinsel mehr als die Hälfte aller bislang dokumentierten Höhlenkunstwerke des europäischen Jungpaläolithikums, doch ist ihre Verteilung ausgesprochen ungleichmäßig: Ein Schwerpunkt liegt im sogenannten frankokantabrischen Raum zwischen dem heutigen Frankreich und Spanien. Aus ganz Katalonien waren bislang lediglich zwei Darstellungen bekannt.
„Bislang war die in Nordostiberien identifizierte paläolithische Felskunst im Vergleich zu den umfangreichen Funden in der benachbarten frankokantabrischen Region äußerst spärlich“, erklärt Vergès Bosch.
Außergewöhnliche Fundmenge und eigene Kunst-Tradition
Mit insgesamt 280 identifizierten Motiven weist die Höhle heute die bislang höchste Konzentration paläolithischer Felskunst in ganz Katalonien auf. Zugleich ist sie der drittgrößte bekannte Fundkomplex dieser Art an der Mittelmeerküste der Iberischen Halbinsel.

Copyright/Quelle: Vergès Bosch u. Salas-Altès, Antiquity 2026
Wie außergewöhnlich die Entdeckung ist, verdeutlicht ein Vergleich mit anderen Fundstätten der Region. Entlang der mediterranen Seite der Iberischen Halbinsel, von den Pyrenäen bis nach Gibraltar, umfassen rund 75 Prozent der bekannten Fundkomplexe höchstens fünf Tierdarstellungen. Mehr als 90 Prozent enthalten nicht mehr als 20 Motive. Die 280 Darstellungen aus der Cova de la Font Major stellen daher eine bemerkenswerte Ausnahme dar, betont Salas-Altès.
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Die Analyse der Felsbilder ergab zudem, dass sich die Motive von der Kunst-Tradition der benachbarten frankokantabrischen Region unterscheiden. Die Forschenden schließen daraus, dass es sich um eine eigenständige paläolithische Kunst-Tradition handelt. Damit liefern die Funde erstmals einen deutlichen Hinweis darauf, dass im Nordosten der Iberischen Halbinsel eigene künstlerische Ausdrucksformen entstanden und gepflegt wurden.
Die Entdeckung hat deshalb auch über die Höhle selbst hinaus Bedeutung. Die große Zahl der Darstellungen könnte darauf hindeuten, dass die Region während des Jungpaläolithikums wesentlich dichter besiedelt war als bislang angenommen. Der mediterrane Westen Europas wäre demnach keineswegs ein kultureller Randbereich gewesen, sondern verfügte über eine eigenständige und ausgeprägte Tradition der Felskunst.
„Entgegen früheren Annahmen verfügt Nordostiberien über Felskunststätten von herausragender Bedeutung“, erklärt Salas-Altès abschließend. Die neu entdeckten Darstellungen erweiterten das Bild der mediterranen Kunst Westeuropas und ermöglichten es, eine eigenständige mediterrane Bildtradition genauer zu charakterisieren – deutlich unterscheidbar von jener des frankokantabrischen Raums.
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