Riesenhafte Ahnenwesen: Aborigines reagierten mit Felskunst auf die Kolonialisierung
Awunbarna (Australien) – Eine aktuelle Analyse auffallend großer Darstellungen von Ahnenwesen der australischen Ureinwohner deutet darauf hin, dass die riesigen Darstellungen insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert entstanden. Die Künstler könnten damit angesichts der beginnenden europäischen Kolonialisierung versucht haben, traditionelle Vorstellungen, die Verbindung zum Land und die eigene kulturelle Identität zu stärken.

Copyright/Quelle: P. Taçon / Taçon et al., Australian Archaeology 2026
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Wie das Team um den Archäologen Paul Taçon von der Griffith University aktuell im Fachjournal „Australian Archaeology“ (DOI. 10.1080/03122417.2026.2676505) berichtet, standen Felsmalereien und andere Darstellungen an der Fundstätte Awunbarna (Mount Borradaile) in Arnhem Land im Fokus der aktuellen Studie.
Eine der außergewöhnlichsten Darstellung zeigt eine riesige Schlange mit einem krokodilähnlichen Kopf, scharfen Zähnen und einer langen Zunge. Mit einer Länge von mehr als sechs Metern zählt sie zu den größten bekannten Darstellungen einer sogenannten Regenbogenschlange in Arnhem Land.
Seit 2018 untersuchen Taçon und sein Team gemeinsam mit dem Amurdak Traditional Owner Charlie Mungulda insgesamt 165 Felskunstplätze in Awunbarna. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei Darstellungen, die nach dem Eintreffen der Europäer entstanden sein könnten.
Dabei zeigte sich ein auffälliges Muster: Zahlreiche Abbildungen besitzen außergewöhnliche Dimensionen. Neben bis zu zwei Meter langen Pythons finden sich lebensgroße Darstellungen von Krokodilen und Kängurus sowie weitere riesige Tiere und menschliche Figuren.
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Mächtige Wesen aus der Traumzeit
Besonders häufig begegnet den Forschern dabei die sogenannte Regenbogenschlange. In den untersuchten Gebieten dokumentierten sie insgesamt 29 entsprechende Darstellungen an 21 Fundstellen. Damit weist Awunbarna die bislang größte bekannte Konzentration dieser Darstellungen auf.
In den Traditionen der australischen Aborigines gelten Regenbogenschlangen als mächtige Ahnenwesen. Sie stehen mit der sogenannten Traumzeit, der Schöpfungsgeschichte der australischen Ureinwohner, in Verbindung, wobei diese nicht lediglich als vergangene mythische Epoche verstanden wird, sondern als eine weiterhin wirksame Dimension von Zeit und Existenz. Nach Interpretation der Forscher und verkörpern die Regenbogenschlangen unter anderem Veränderung und den Umgang mit damit. Gerade diese Bedeutung könnte angesichts der tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen während der Kolonialisierung eine besondere Rolle gespielt haben.
Neben den Schlangen fanden die Archäologen unter anderem die Darstellung eines mehr als zwei Meter großen Mannes sowie die bislang einzige bekannte Darstellung eines Bartenwals in Australien.

Copyright/Quelle: P. Taçon / Taçon et al., Australian Archaeology 2026
Rituelle Kunst als Reaktion auf den kulturellen Umbruch
Die genaue Datierung der Malereien ist schwierig. Viele Darstellungen können nicht direkt datiert werden. Allerdings liegen die Regenbogenschlangen teilweise über älteren Bildern und wurden häufig mit weißem Pfeifenton gemalt. Dieses Material verblasst innerhalb weniger Jahrhunderte.
In ihrer Gesamtheit sprechen die Hinweise nach Einschätzung des Forschungsteams dafür, dass zahlreiche der monumentalen Darstellungen aus der Zeit nach dem ersten Kontakt mit Europäern stammen.
Die Forschenden sehen darin möglicherweise eine bewusste Reaktion auf den zunehmenden kulturellen und gesellschaftlichen Umbruch. Durch die Darstellung besonders mächtiger Wesen konnten zeremonielle Führer demnach die Bedeutung überlieferter Traditionen und die Verbindung zwischen Menschen und Land bekräftigen.
Awunbarna könnte dafür ein besonders geeigneter Ort gewesen sein. Das Gebiet lag an einer wichtigen Schnittstelle verschiedener indigener Sprachgruppen und diente als Ort für Handel, Zeremonien und soziale Zusammenkünfte. Gleichzeitig gehörte die Region zu den frühen Schauplätzen der kolonialen Büffeljagd im späten 19. Jahrhundert und war dadurch besonders früh mit den Folgen der europäischen Expansion konfrontiert.
Tradition neben kolonialen Schiffen und Schusswaffen
Die Felskunst zeigt dabei offenbar nicht nur traditionelle Motive. Mächtige Tiere wie Krokodile und Fische wurden teilweise neben Darstellungen europäischer Schiffe und Schusswaffen angebracht. Nach Interpretation der Autoren der Studie entstand dadurch eine Art visueller Aussage: Trotz des Eindringens einer völlig neuen und mächtigen Kultur blieben die eigenen Traditionen und Weltvorstellungen bestehen.
Für das Team um Taçon und Mungulda besitzen die Darstellungen deshalb nicht nur archäologische Bedeutung. Sie seien zugleich Ausdruck einer bis heute lebendigen Kultur und ein Medium, mit dem Wissen zwischen Generationen weitergegeben wurde.
Die monumentalen Regenbogenschlangen von Awunbarna seien somit ein außergewöhnliches Zeugnis dafür, wie indigene Gemeinschaften den tiefgreifenden Wandel ihrer Lebenswelt nicht nur erlebten, sondern ihn auch innerhalb ihrer eigenen kulturellen und religiösen Vorstellungen verarbeiteten.
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Recherchequelle: Australian Archaeology
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