Torún (Polen) – 2022 entdeckten Archäologen im polnischen Pien die sterblichen Überreste einer jungen Frau, die hier im 17. Jahrhundert auf auffallen ungewöhnliche Weise beigesetzt wurde. Ein Vorhängerschloss um den Fuß und eine Sichel über dem Hals sollten offenbar verhindern, dass die Beigesetzte als Wiedergängerin zurückkehren könnte. Eine neue Analyse des Grabes und des Skeletts liefert nun neue Hinweise auf Herkunft und Stand der Frau.
Eine Sichel vor der Kehle sollte diese Frau von der Wiederkehr aus ihrem Grab abhalten. Copyright: Miroslav Blicharski / Aleksander Poznan
Inhalt
Das im Jahr 2022 entdeckte Grab Nummer 75 stammt wahrscheinlich aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und weist eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Kombination von Beigaben auf: Ein großes Vorhängeschloss war am linken großen Zeh der Verstorbenen befestigt, während eine Sichel mit der Schneide in Richtung Hals auf ihrem Nacken lag.
Die Forscher interpretieren diese Anordnung als sogenannte apotropäische, also gegen Unheil gerichtete Maßnahmen. Sie könnten dazu gedient haben, die Tote symbolisch daran zu hindern, aus dem Grab zurückzukehren oder den Lebenden zu schaden. Die Kombination aus Sichel und Vorhängeschloss in einem einzigen Grab ist nach Angaben der Autoren bislang ohne Parallele in der veröffentlichten archäologischen Literatur (…GreWi berichtete 1, 2).
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Junge Frau aus wohlhabender Schicht
Die nun im „Journal of Archaeological Science: Reports“ (DOI: 10.1016/j.jasrep.2026.105967) veröffentlichten Ergebnisse der neuen anthropologischen Untersuchungen zeigen, dass es sich um eine Frau im Alter von etwa 17 bis 19 Jahren handelte. Das Skelett ist weitgehend vollständig und gut erhalten. Hinweise auf Verletzungen oder Krankheiten, die ihren Tod verursacht haben könnten, fanden sich nicht. Die Todesursache bleibt daher ungeklärt.
Besonders bemerkenswert sind Hinweise auf ihren sozialen Status. An ihrem Schädel fanden sich Reste eines sogenannten Gallons, eines dekorativen gewebten Bandes, das vermutlich als Verzierung einer Kopfbedeckung diente. Die textile Untersuchung ergab, dass die Metallfäden aus Silber beziehungsweise vergoldetem Silber bestanden. Derartige hochwertige Verzierungen waren im 17. Jahrhundert vor allem Angehörigen des Adels, wohlhabenden Bürgern und anderen privilegierten Schichten zugänglich.
Vorder- und Rückseite (a) sowie rekonstruierte Darstellung der Gewebestruktur (b). Quelle: D. Poliński, M. Zagrodzka et al. Journal of Archaeological Science: Reports 2026
Die Forschenden um den Archäologen Dariusz Poliński von der Nicolaus Copernicus University in Toruń und Magdalena Zagrodzka von der Educational Society „Evolution” in Torun halten es deshalb für wahrscheinlich, dass die junge Frau einer höheren sozialen Schicht angehörte.
Eine Radiokarbondatierung ergab einen Bereich von 1515 bis 1800, wobei die wahrscheinlichste Datierung zwischen 1620 und 1674 liegt. Die Bestattung wird daher in die Mitte des 17. Jahrhunderts eingeordnet.
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Schloss und Sichel gegen die Wiederkehr der Toten?
Das Vorhängeschloss war ursprünglich geschlossen, wurde im Grab jedoch geöffnet vorgefunden. Seine Position am großen Zeh spricht nach Einschätzung der Forscher gegen eine praktische Funktion. Vielmehr könnte das Schloss symbolisch dafürgestanden haben, den Übergang zwischen der Welt der Lebenden und der Toten zu „verschließen“.
Ansichten des Vorhängeschlosses aus Grab 75: Zeichnungen (a), Fotografie der Vorderseite (b) und Röntgenaufnahme (c). Quelle: D. Poliński, M. Zagrodzka et al. Journal of Archaeological Science: Reports 2026
Vorhängeschlösser sind zwar auch aus jüdischen Bestattungen bekannt, insbesondere aus aschkenasischen Friedhöfen. Die Autoren schließen jedoch ausdrücklich aus, dass der Friedhof von Pień als jüdischer Friedhof genutzt wurde. Vergleichbare Schlösser wurden auch in christlichen, darunter protestantischen, Bestattungen gefunden. Die Interpretation des Fundes als jüdischer Bestattungsbrauch greift daher zu kurz.
Deutlicher erscheint hingegen die mögliche apotropäische Funktion der Sichel. Sie wurde mit der Schneide in Richtung Hals der Verstorbenen positioniert. Vergleichbare Bestattungen sind insbesondere aus Polen bekannt. In solchen Fällen wird die Sichel als Vorrichtung interpretiert, die verhindern sollte, dass ein Verstorbener aus dem Grab zurückkehrt.
Hinter solchen Praktiken standen Vorstellungen von gefährlichen Toten, die als Ursache von Krankheit, Seuchen oder anderem Unglück angesehen werden konnten. Die Sichel sollte einen solchen Toten im Falle einer Rückkehr buchstäblich daran hindern, die Lebenden zu erreichen.
Ansichten der Sichel aus Grab 75: Fotografie (a), Zeichnung (b), mikroskopische Aufnahme eines Klingenfragments (c) und RL-Querschnitt eines Holzfragments des Sichelschafts (d). Quelle: D. Poliński, M. Zagrodzka et al. Journal of Archaeological Science: Reports 2026
Die Beschaffenheit des Grabes deutet zudem darauf hin, dass es nach der ursprünglichen Bestattung geöffnet oder gestört worden sein könnte. Nach Einschätzung der Forschenden könnte die Sichel erst bei einer solchen späteren Öffnung am Hals platziert worden sein. Das Vorhängeschloss befand sich dagegen wahrscheinlich bereits bei der ursprünglichen Bestattung am Zeh.
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Rätselhafte Herkunft
Genetische Untersuchungen weisen die Verstorbene der mitochondrialen Haplogruppe J1c2c1 zu. Diese Linie ist heute unter anderem in Nordeuropa nachweisbar und weist phylogenetische Verbindungen zu skandinavischen Populationen auf. Allerdings lasse sich daraus keine eindeutige Herkunft der jungen Frau ableiten.
Auch die Strontium- und Sauerstoffisotope sprechen dafür, dass sie ihre Kindheit wahrscheinlich in der Region von Pień verbracht hatte. Zugleich sind die Werte mit mehreren Regionen Polens sowie Teilen Deutschlands, Südschwedens und der Niederlande vereinbar. Möglich wäre daher eine weiter zurückliegende skandinavische Abstammung.
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Die Forscher betonen, dass die Befunde keine eindeutige Erklärung für die ungewöhnliche Behandlung liefern. Denkbar ist, dass die junge Frau aufgrund ihres Todes, ihrer persönlichen Lebensumstände oder anderer heute nicht mehr rekonstruierbarer Faktoren als potenziell gefährlich wahrgenommen wurde. Sichel, Schloss und möglicherweise ein kupferhaltiger Gegenstand im Mund könnten Teil eines Schutzrituals gewesen sein.
Das Grab von Pień liefert damit ein ungewöhnlich anschauliches Beispiel dafür, wie stark die Angst vor den Toten und vor übernatürlichen Gefahren noch im 17. Jahrhundert die Bestattungspraxis beeinflussen konnte.
Eine um den Hals gelegte Sichel sollte offenbar beigesetzte vermeintliche Vampire beim Versuch sich zu erheben enthaupten. Das Foto zeigt eines der 2008/09 auf dem Friedhof von Drawsko im Nordwesten Polens entdeckten Skelette. Copyright/Quelle: Gregoricka, Betsinger et al. / PLoS One
Diesem angeblichen Pest-Vampir in Venedig wurde bei der Bestattung anno 1578 ein Steinquader in den Mund getrieben. Copyright: Matteo Borrini, restiumani.it
Andreas Müller ist ein deutscher Kornkreis- und UFO-Forscher, Journalist, Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Anomalistik. Mehr erfahren (Wikipedia)
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