Schwarmintelligenz bringt Ameisen zu Leistungen, die als unmöglich für Einzeltiere gelten
Rehovot (Israel) – In Experimenten mit sogenannten Longhorn-Crazy-Ameisen (Paratrechina longicornis) haben Verhaltensforscher eine Form von „vorausschauendem Denken“ dokumentiert, wie sie einem einzelnen Ameisen-Individuum eigentlich nicht möglich wäre, dafür aber vermutlich aus der Schwarmintelligenz heraus entsteht.

Copyright: Alessandro Crespi
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Wie das Team aus Forschenden um Dr. Ehud Fonio vom Weizmann-Institut aktuell im Fachjournal „Frontiers in Behavioral Neuroscience“ (DOI: 10.3389/fnbeh.2025.1533372) berichtet, räumen die Tiere Hindernisse aus dem Weg, bevor sie beim kollektiven Transport großer Nahrungsstücke überhaupt ein Problem darstellen – ein bislang unbekanntes Verhalten bei Ameisen.
Die Longhorn-Crazy-Ameise gehört zu den Arten, bei denen Arbeiterinnen gemeinsam große Beute – in diesem Fall Katzenfutterpellets – zurück ins Nest transportieren. Dabei fiel den Wissenschaftlern auf, dass einzelne Ameisen kleine Hindernisse wie Kieselsteine (in den Experimenten durch Plastikperlen ersetzt) gezielt aus dem Weg räumten, bevor die eigentliche Transportgruppe an diese Stellen gelangte. Die Forscher führten daraufhin 83 gezielte Experimente mit einer „Superkolonie“ dieser Ameisenart durch, die sich auf dem Gelände des Instituts befindet.
Experimente zur Schwarmintelligenz
In den Versuchen blockierten die Forschenden mit kleinen Plastikperlen mit 1,5 mm Durchmesser (etwa die halbe Körperlänge einer Ameise) den direkten Weg zwischen der Nahrungsquelle und Nest. Dabei zeigte sich, dass das Freiräumen der Hindernisse gezielt entlang der Route geschah – etwa 40 mm vom Futter entfernt in Richtung Nest. Die Perlen wurden bis zu 50 mm weit weggetragen. Eine Ameise schaffte es, nacheinander 64 Perlen zu beseitigen. Dieses Verhalten trat fast ausschließlich auf, wenn die Pellets ganz waren. Zerkleinerte Pellets wurden dagegen von Einzelarbeiterinnen ohne Hindernisbeseitigung transportiert.
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Ausschlaggebend für das Räumverhalten war offenbar das Pheromon, das von Erkundungsameisen auf dem Rückweg vom Futter abgegeben wird. Die Crazy-Ameisen sind dafür bekannt, „verrückt“ zu laufen (daher ihr Name) und alle 0,2 Sekunden mit dem Hinterleib Duftspuren zu hinterlassen. Diese Pheromone locken weitere Arbeiterinnen an – und aktivieren offenbar auch gezieltes Räumen. Sobald eine Ameise auf eine frische Spur stößt, schaltet sie in einen „Freiräum-Modus“ und sucht aktiv nach weiteren Hindernissen, selbst wenn sie das Futterstück gar nicht direkt gesehen hat.

Copyright/Quelle: E Fonio, D Mersch, O Feinerman
Dass das Verhalten der Einzeltiere für die gesamte Kolonie durchaus Sinn ergibt, konnten die Forscher und Forscherinnen mit einem weiteren Experiment zeigen, in dem aufgezeigt wurde, wie stark Hindernisse den kooperativen Transport verzögern: Ein Tunnel mit einer Fläche von 5 cm × 7 cm, der mit Perlen gefüllt war, verlangsamte den Transportprozess um das 18-fache im Vergleich zu einem freien Durchgang.
Dr. Ehud Fonio, der Hauptautor der Studie, beschreibt dieses Verhalten als eine Form von sogenannter kollektiver Antizipation. „Obwohl keine einzelne Ameise die Gesamtsituation versteht oder plant, entsteht durch einfaches, pheromonbasiertes Verhalten ein scheinbar geplantes, zielgerichtetes Handeln auf Kolonieebene.“ Auch Dr. Danielle Mersch betont: Die einzelne Ameise zeigt kein intelligentes Verhalten im menschlichen Sinne – sie folgt einfachen Reizen. Aber im Zusammenspiel ergibt sich ein komplexes, intelligentes Gesamtverhalten.
Ähnlichkeiten zur Arbeitsweise des menschlichen Gehirns
Diese Form von Schwarmintelligenz erinnert an neuronale Prozesse im Gehirn: Auch dort führen einfache, individuell wenig komplexe Einheiten – Neuronen – durch ihre Interaktion zu hochkomplexen kognitiven Leistungen. Dr. Ofer Feinerman nennt dieses Phänomen „beeindruckender als jede Form individueller Planung“. Denn ohne bewusstes Nachdenken gelinge es der Kolonie, Aufgaben zu lösen, die bei Menschen klare Planung und Voraussicht erfordern würden.
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Recherchequelle: Frontiers in Behavioral Neuroscience
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