Studie: Orang-Utans wählen gezielt Heilpflanzen aus und könnten sich selbst behandeln
Penryn (Großbritannien) – Dass Menschenaffen zu erstaunlichen kognitiven Leistungen fähig sind, ist seit Langem bekannt. Eine neue Langzeitstudie liefert nun weitere Hinweise darauf, dass wilde Orang-Utans nicht nur Nahrung suchen, sondern gezielt Pflanzen mit medizinischer Wirkung auswählen. Die Forschenden sehen darin ein weiteres Indiz für sogenanntes „Selbstmedikationsverhalten“ bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich.

Copyright: Yuliseperi2020 (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 4.0
Inhalt
Die Ergebnisse des Teams um Georgia Allen von der University of Exeter des Penryn Campus basieren auf mehr als 20 Jahren Beobachtungen freilebender Orang-Utans in den Torfsumpfwäldern von Sebangau auf Borneo und wurden aktuell im Fachjournal „Scientific Reports“ (DOI: 10.1038/s41598-026-52614-4) veröffentlicht.
Gezielt ausgewählte Pflanzen statt zufälliger Nahrung
Das Forschungsteam untersuchte die Ernährungsgewohnheiten von Orang-Utans im indonesischen Zentral-Kalimantan. Dabei zeigte sich, dass bestimmte Pflanzen deutlich häufiger gemeinsam und in charakteristischen Abfolgen gefressen wurden, als es der Zufall erwarten ließe.
Besonders auffällig war, dass viele dieser Pflanzen Inhaltsstoffe besitzen, die antimikrobielle, entzündungshemmende oder wundheilende Eigenschaften aufweisen. Einige enthalten zudem bioaktive Substanzen, die nachweislich gegen Infektionen wirken.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass es derzeit keine Belege dafür gibt, dass Orang-Utans Krankheiten bewusst „diagnostizieren“, wie es Menschen tun würden. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass die Tiere bestimmte Pflanzen gezielt und auf eine Weise auswählen, die über ihren reinen Nährwert hinausgeht.
Bemerkenswert ist zudem, dass viele der identifizierten Pflanzen keinen bedeutenden Anteil an der normalen Nahrung der Orang-Utans ausmachen. Dies spricht dafür, dass sie nicht als alltägliche Nahrung, sondern möglicherweise wegen ihrer besonderen medizinischen Eigenschaften aufgenommen werden.
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Selbstmedikation bei Menschenaffen
Die neue Studie reiht sich in eine wachsende Zahl von Beobachtungen ein, die auf medizinisches Verhalten bei Primaten hindeuten. Bereits bei Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Gibbons wurden Fälle dokumentiert, in denen Tiere Pflanzen gezielt gegen Parasiten oder andere Beschwerden einsetzen (…GreWi berichtete 1, 2).
Besonders großes Aufsehen erregte im vergangenen Jahr die Beobachtung eines Sumatra-Orang-Utans, der eine Wunde im Gesicht wiederholt mit dem Saft einer Heilpflanze behandelte und die verletzte Stelle anschließend mit den zerkaute Pflanzenresten bedeckte. Die Wunde heilte in den folgenden Wochen ohne erkennbare Infektion ab und lieferte den ersten direkten Nachweis einer gezielten Wundbehandlung mit einer Heilpflanze bei einem wildlebenden Tier.
Die neuen Ergebnisse aus Borneo gehen jedoch noch einen Schritt weiter. Sie deuten darauf hin, dass Orang-Utans möglicherweise nicht nur einzelne Heilpflanzen nutzen, sondern verschiedene Pflanzen gezielt kombinieren und in bestimmten Sequenzen aufnehmen, um gesundheitliche Vorteile zu erzielen.
Die in der Studie analysierten Pflanzen enthalten unter anderem sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide, Tannine und Phenolverbindungen, die in Laborstudien entzündungshemmende, antibakterielle und antioxidative Wirkungen zeigen.
Hintergrund: Medizin im Tierreich
Schon 2011 beschrieb der Biologe Benjamin Hart von der University of California die vielfachen Parallelen zwischen menschlicher und tierischer Medizin und stellte fest, dass es „für jedes der vier Grundprinzipien der menschlichen Medizin Beispiele im Tierreich“ gibt. Als Beispiele nennt Hart den Verzehr antimikrobiell wirkender Heilpflanzen oder das Verwenden antiparasitär wirkender Pflanzen beim Nestbau. Die Pflege kranker Artgenossen könne beispielsweise bei Affen und Elefanten beobachtet werden. Während zwar nur der Mensch verschiedene medizinische Strategien zu einem fortgeschrittenen System kombiniert habe, gehe dieses System jedoch auf Strategien zurück, die Teil eines „instinktiven Erbes“ seien, „das wir mit dem Rest des Tierreichs teilen“, so Hart in seinem damaligen Artikel im Fachjournal „Philosophical Transactions of the Royal Society B“ (DOI: 10.1098/rstb.2011.0092).
Erlerntes Wissen oder Instinkt?
Noch ungeklärt ist die Frage, wie die Tiere dieses Verhalten erwerben. Die Forscher können derzeit nicht sagen, ob die Auswahl der Heilpflanzen auf angeborenem Instinkt beruht oder ob das Wissen sozial weitergegeben und über Generationen erlernt wird.
Für Letzteres spricht die lange Entwicklungszeit von Orang-Utans. Jungtiere verbringen viele Jahre in enger Bindung zu ihren Müttern und haben dabei ausreichend Gelegenheit, komplexe Verhaltensweisen zu beobachten und zu übernehmen.
Interessanterweise werden einige der von den Orang-Utans bevorzugten Pflanzen auch von indigenen Gemeinschaften auf Borneo traditionell als Heilpflanzen genutzt. Die Autoren der Studie sehen darin einen weiteren Hinweis auf die besondere Bedeutung traditionellen Wissens über die medizinischen Eigenschaften von Pflanzen.
Die Forschenden betonen deshalb, dass der Schutz indigener Kenntnisse und die Bewahrung der biologischen Vielfalt eng miteinander verbunden seien. Das Verständnis darüber, wie Tiere Pflanzen medizinisch nutzen, könne nicht nur neue Einblicke in die Evolution von Medizin und Gesundheitsverhalten liefern, sondern möglicherweise auch Hinweise auf bislang wenig erforschte Naturstoffe mit therapeutischem Potenzial geben.
Die Ergebnisse zeigen einmal mehr, dass die Grenze zwischen menschlichem und tierischem Gesundheitsverhalten weniger scharf gezogen ist, als lange angenommen wurde. Statt bloß instinktiv Nahrung aufzunehmen, scheinen Orang-Utans ihre Umwelt in bemerkenswerter Weise zu nutzen – möglicherweise sogar, um Krankheiten zu lindern und die eigene Gesundheit aktiv zu fördern.
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Recherchequelle: Scientific Reports
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