Neue Studie: Übersehen wir Spuren früher außerirdischer Intelligenz?
Seattle (USA) – Die Suche nach außerirdischem Leben konzentriert sich bislang vor allem auf zwei Extreme: Einerseits fahnden Forschende nach Biosignaturen, also chemischen Hinweisen auf Leben, andererseits nach Technologie-Signaturen, etwa Radiosignalen oder gigantischen technischen Bauwerken fortgeschrittener Zivilisationen. Doch was ist mit den Milliarden Jahren dazwischen? Eine neue Studie schlägt vor, genau diese bislang kaum beachtete Entwicklungsphase systematisch zu untersuchen.

Quelle: A. Müller für grewi.de
Inhalt
Wie die Astrobiologin Julia DeMarines u.a. vom Blue Marble Space Institute of Science der vorab via ArXiv.org erläutert, vergingen rund 3,5 Milliarden Jahre vom ersten mikrobiellen Leben bis zu einer Zivilisation, die Radiosignale ins All sendet. Wäre unsere Erde vor 10.000 Jahren von einer fernen Welt aus beobachtet worden, hätte sie weder erkennbare Technosignaturen ausgesandt noch wäre sie auf mikrobielle Lebensformen beschränkt gewesen. Dennoch hätten bereits intelligente Menschen den Planeten geprägt.
Die Lücke zwischen Mikrobe und Raumfahrtzivilisation
Nach Ansicht von DeMarines bleibt diese Entwicklungsstufe in der Astrobiologie bislang weitgehend unberücksichtigt. Um diese Lücke zu schließen, schlägt sie das Forschungsfeld der Noosemiotik vor, das gezielt nach sogenannten Noosignaturen suchen soll.
Als Noosignatur definiert DeMarines eine strukturierte Spur, die ein intelligenter Geist in einem Medium hinterlässt. Dabei muss die Bedeutung dieser Spur nicht entschlüsselbar sein – entscheidend ist allein, dass sie eindeutig als Produkt intelligenter Aktivität erkannt werden kann. Solche Spuren können physischer Natur sein, etwa Werkzeuge, Bauwerke oder Schriftzeichen, aber auch aus komplexen Kommunikationsmustern bestehen. Als Beispiel nennt die Autorin die bis heute nicht entzifferte Schrift der Indus-Kultur. Obwohl ihr Inhalt unbekannt ist, besteht kein Zweifel daran, dass sie von intelligenten Wesen geschaffen wurde und sich klar von natürlichen biologischen Prozessen unterscheidet.
Assembly Theory als möglicher Nachweis
Um Noosignaturen objektiv bewerten zu können, verweist die Studie auf die sogenannte Assembly Theory. Diese beschreibt den „Assembly Index“ eines Objekts – also die Anzahl der notwendigen Konstruktionsschritte, um es aus einfachen Grundbausteinen zusammenzusetzen. Überschreitet dieser Wert einen bestimmten Schwellenwert, gilt ein zufälliges natürliches Entstehen als äußerst unwahrscheinlich.
Auf der Erde würden bereits die rund 3,3 Millionen Jahre alten Steinwerkzeuge der Lomekwian-Kultur dieses Kriterium erfüllen. Doch Noosignaturen beschränken sich nicht auf Artefakte. So verweist DeMarines darauf, dass menschliche Landwirtschaft bereits vor etwa 8.000 Jahren den Stickstoffkreislauf der Erde messbar veränderte – lange bevor es Radiosender oder andere klassische Technosignaturen gab.

Quelle: The Portable Antiquities Scheme, Julian Watters
Intelligenz ohne Radiosignale?
Ein besonderer Reiz des Konzepts besteht darin, dass damit auch Welten erfasst werden könnten, auf denen sich zwar intelligentes Leben entwickelte, dieses jedoch niemals eine technisch hochentwickelte, planetare Zivilisation hervorbrachte. Solche Kulturen könnten über geologische Zeiträume existiert haben, ohne jemals Radiosignale oder andere offensichtliche Technosignaturen ins All auszusenden. In einem solchen Fall könnten Noosignaturen die einzigen nachweisbaren Hinweise darauf sein, dass auf einem Planeten überhaupt einmal intelligentes Leben existierte.
Zahlreiche offene Fragen
Die Autorin betont jedoch, dass sich das Konzept noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befindet. Noosignaturen können im Laufe der Zeit verwittern oder verschwinden, wenn sie nicht erhalten werden. Zudem ist es oft schwierig, komplexe natürliche Strukturen eindeutig von künstlich erzeugten zu unterscheiden. Auch die Assembly Theory müsse erst noch zeigen, wie zuverlässig sie bei großräumigen archäologischen Strukturen oder natürlich entstandenen komplexen Kristallen eingesetzt werden könne.
Hinzu kommt, dass sich bislang nur wenige Wissenschaftler mit diesem Themenfeld beschäftigen. Auf der diesjährigen „Astrobiology Science Conference“ gab es laut DeMarines 23 Fachsitzungen zu Biosignaturen und lediglich eine zu Technosignaturen – eigene Sitzungen zur Erforschung von Intelligenz fehlten vollständig.
Mit ihrer Arbeit plädiert DeMarines daher dafür, astrobiologische Signaturen künftig nicht länger als zwei voneinander getrennte Kategorien zu betrachten. Stattdessen könnten Biosignaturen, Noosignaturen und Technosignaturen ein Kontinuum bilden, das die gesamte Entwicklung von Leben bis hin zu technologischen Zivilisationen umfasst. Sollte sich dieser Ansatz etablieren, könnte er den Blick auf bislang übersehene Formen außerirdischer Intelligenz erweitern und neue Ziele für die Suche nach Leben im Universum eröffnen.
WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
Hyper-SETI: KI-gestützte Ausweitung der Suche nach außerirdischer Intelligenz 15. November 2019
Recherchequelle: ArXiv.org
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