China: 2.600 Jahre alte Bronzeglocken wurden vor der Bestattung eines Fürsten rituell „deaktiviert“
London (Großbritannien) – Als Archäologen das rund 2.600 Jahre alte Grab des chinesischen Fürsten Qiu aus dem antiken Staat Zeng öffneten, bot sich ihnen ein ungewöhnlicher Anblick: Die kostbaren Bronzeglocken des Herrschers lagen verstreut im Grab, ihre hölzernen Aufhängungen waren zerstört. Während zunächst eine Plünderung angenommen wurde, kommt eine neue Studie zu einem anderen Schluss.

Copyright/Quelle: Chinglong Tse, Cambridge Archaeological Journal (2026)
Inhalt
Wie der Archäologe Chinglong Tse vom Institute of Archaeology des University College London aktuell im „Cambridge Archaeological Journal“ (DOI: 10.1017/s0959774326100651) berichtet, wurden die Glocken offenbar bereits bei der Bestattung bewusst auseinandergebaut – als Teil eines Rituals, das ihre spirituelle Wirkung beenden sollte.
Glocken als Mittler zwischen Menschen und Ahnen
Qiu lebte während der sogenannten Frühlings- und Herbstperiode der Zhou-Dynastie, einer Epoche, die von politischen Rivalitäten und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den chinesischen Teilstaaten geprägt war. Der Staat Zeng kontrollierte eine strategisch wichtige Region zwischen dem Jangtse und dem Kerngebiet der Zhou-Herrschaft und sah sich als von den Himmelsmächten dazu bestimmt, Südchina zu schützen.
Um sein Herrschaftsgebiet gegen den rivalisierenden Staat Chu zu verteidigen, ließ Qiu einen aufwendig gestalteten Satz bronzener Glocken anfertigen. Die Instrumente waren mit Drachenmotiven verziert, mit Quarz eingelegt und trugen Inschriften, die die Taten seiner Ahnen priesen und diese zugleich dazu aufriefen, ihre Nachkommen weiterhin zu beschützen.
Nach den Vorstellungen der damaligen Zeit dienten die Glocken aber nicht nur als Musikinstrumente. Ihr Klang galt vielmehr als Botschaft an die Ahnenwelt. Erst das korrekte Aufhängen und Stimmen der Glocken setzte nach damaligem Glauben ihre spirituelle Kraft frei und ermöglichte die Kommunikation mit den Vorfahren.
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Politischer Wandel machte die Glocken überflüssig
Noch zu Lebzeiten Qius änderten sich jedoch die politischen Verhältnisse grundlegend. Der jahrzehntelange Konflikt zwischen Zeng und Chu endete, nachdem der König von Chu seine Schwester mit Fürst Qiu verheiratete. Aus erbitterten Gegnern wurden Verbündete. Damit verloren die Glocken, deren Inschriften die Ahnen ausdrücklich zum Schutz gegen Chu aufriefen, ihre ursprüngliche Funktion. Nach Ansicht Tses wurden sie deshalb nach Qius Tod bewusst außer Kraft gesetzt, um auch seine Rolle im Jenseits an die neue politische Realität anzupassen.
Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass das Grab ansonsten weitgehend unversehrt erhalten geblieben ist. Dies spreche gegen eine spätere Plünderung und dafür, dass die Zerstörung der Glocken bereits im Zuge der Bestattung erfolgte. Indem ihre hölzernen Gestelle zerlegt und die Glocken einzeln im Grab verteilt wurden, habe man ihre Fähigkeit beendet, die Ahnen weiterhin anzurufen.
Neue Glocken für das Jenseits
Bemerkenswert ist zudem, dass Qiu offenbar einen zweiten, deutlich kleineren Satz Bronzeglocken anfertigen ließ. Diese wurden sorgfältig gestapelt und nach Südosten ausgerichtet im Grab niedergelegt. Ihre Inschriften richteten sich ausschließlich an das Leben nach dem Tod.
Für Tse deutet dies darauf hin, dass die ursprünglichen Glocken nicht einfach ersetzt wurden, sondern dass mit ihnen auch die Beziehung des Verstorbenen zu seinen Ahnen neu definiert werden sollte. Nach dem Glauben der Zhou endete die Verbindung zwischen den Lebenden und ihren Vorfahren nicht mit dem Tod, sondern musste durch rituelle Handlungen fortgeführt und den jeweiligen Umständen angepasst werden.
Mehr als reine Gebrauchsobjekte
Über den konkreten Fund hinaus plädiert Tse dafür, archäologische Objekte nicht ausschließlich als funktionale Werkzeuge oder symbolische Beigaben zu betrachten. Moderne Forscher liefen Gefahr, heutige Vorstellungen auf vergangene Kulturen zu übertragen und dabei deren Weltbild zu verkennen.
Gerade im Zhou-Reich seien Gegenstände wie Bronzeglocken nicht lediglich Musikinstrumente gewesen, sondern aktive Bestandteile einer von Ahnen, Geistern und übernatürlichen Kräften geprägten Wirklichkeit. Ihre Bedeutung erschließe sich daher erst im Zusammenspiel archäologischer Funde mit zeitgenössischen Inschriften und historischen Überlieferungen.
Um dieses Verständnis weiter zu vertiefen, hofft Tse künftig eine der ehemaligen Städte des Staates Zeng ausgraben zu können, in denen die berühmten Bronzeglocken hergestellt wurden. Über ihre Produktion sei bislang nur wenig bekannt. Neue Erkenntnisse könnten helfen, die religiösen Vorstellungen und das Verhältnis der Menschen jener Zeit zu diesen außergewöhnlichen Objekten noch besser zu verstehen.
Recherchequelle: Cambridge.org
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