Mythos Kraken: Riesenkraken beherrschten vor 100 Millionen Jahren die Meere
Sapporo (Japan) – Denken wir heute an Oktopusse, so kommen meist intelligente, geschickte Tiere in den Sinn, die sich in Korallenriffen verstecken, durch Felsspalten gleiten oder in der Tiefsee leben und weniger an wahrhaftige Riesenkraken. Eine neue Studie deutet nun jedoch darauf hin, dass ihre frühen Verwandten ganz anders waren: gigantische Raubtiere an der Spitze der maritimen Nahrungskette.

Copyright: Ikegami et al., Science 2026
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Im Fachjournal „Science“ (DOI: 10.1126/science.aea6285) beschreibt ein internationales Team um Shin Ikegami und Yasuhiro Iba von der japanischen Hokkaido University neue Fossilfunde, deren Rekonstruktion belegt, dass die frühesten bekannten Oktopusse offenbar riesige Spitzenprädatoren der Kreidezeit waren – und damit mit großen Meeresreptilien um die Vorherrschaft in den Ozeanen konkurrierten. Einige dieser Tiere könnten sogar eine Gesamtlänge von fast 20 Metern erreicht haben. Damit wäre ihr Körpermaß größer gewesen als das der meisten marinen Wirbeltiere ihrer Zeit.
Fossile Kiefer liefern neue Hinweise
Das Problem bei der Erforschung früher Oktopusse: Wie ihre heutigen Nachfahren besaßen sie keine Knochen und keine äußeren Schalen. Als Weichtiere hinterlassen sie daher nur selten gut erhaltene Fossilien. Ihre Evolutionsgeschichte ist deshalb deutlich schwieriger zu rekonstruieren als die von Tieren mit Skeletten oder Panzern. Das Forschungsteam konzentrierte sich deshalb auf den einen Teil des Körpers, der bessere Fossilisierungs-Chancen hat – die Kiefer bzw. Schnäbel der Tiere. Diese dienen bei Oktopussen als kräftiges Fresswerkzeug und können in Sedimenten deutlich länger erhalten bleiben.
Mithilfe hochauflösender Schleiftomografie und eines KI-gestützten Modells gelang es den Wissenschaftlern, verborgene fossile Kiefer in Gesteinsproben aus der späten Kreidezeit sichtbar zu machen. Die untersuchten Proben stammen aus Japan und von Vancouver Island und sind zwischen 100 und 72 Millionen Jahre alt.
Die Fossilien lagen in ruhigen Meeresbodensedimenten und waren außergewöhnlich gut erhalten. Selbst feine Abnutzungsspuren auf den Kiefern konnten noch analysiert werden – ein entscheidender Hinweis auf das Jagdverhalten dieser Tiere. Die Funde gehören zu einer ausgestorbenen Gruppe der sogenannten Flossenkraken (Cirrata), also einer frühen Linie der Oktopusse.

Copyright/Quelle: Ikegami et al., Science 2026
Gewaltige Beißkraft und aggressive Jagdweise
Durch die Analyse von Größe, Form und Abnutzung der Kiefer kamen die Forscher zu einem überraschenden Ergebnis: Diese frühen Kraken waren keine harmlosen Tiefseebewohner, sondern aktive und äußerst kräftige Jäger.
Die Fossilien zeigten deutliche Spuren intensiver Belastung – darunter Absplitterungen, Kratzer, Risse und polierte Flächen. Solche Merkmale deuten auf wiederholtes Zubeißen mit enormer Kraft hin. Besonders auffällig war der Verschleiß an den Kieferspitzen. Bei ausgewachsenen Exemplaren waren bis zu zehn Prozent der Kieferspitze im Verhältnis zur gesamten Kieferlänge regelrecht abgetragen. Das ist deutlich mehr als bei heutigen Kopffüßern, selbst bei Arten, die harte Schalentiere knacken.
Für Studienleiter Yasuhiro Iba ist das ein klarer Hinweis auf eine aggressive Ernährungsweise. „Die Tiere müssen regelmäßig harte Beute mit großem Kraftaufwand zerbissen haben. Wahrscheinlich jagten sie große und widerstandsfähige Beutetiere und standen damit ganz oben in der marinen Nahrungskette.“ Die Forscher gehen davon aus, dass diese Oktopusse eine ökologische Rolle einnahmen, die man bislang fast ausschließlich großen Wirbeltieren zuschrieb.
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Frühere Oktopusse als intelligente Spitzenprädatoren
Die Entdeckung verändert auch das bisherige Bild der Oktopus-Evolution. Die neuen Fossilien verschieben den frühesten bekannten Nachweis der Flossenkraken um rund 15 Millionen Jahre weiter zurück. Der allgemeine Ursprung der Oktopusse reicht damit mindestens bis vor etwa 100 Millionen Jahren.

Copyright/Quelle: Ikegami et al., Science 2026
Besonders interessant war zudem ein Detail bei den Kiefern: In beiden untersuchten Arten war eine Seite des Beißapparats stärker abgenutzt als die andere. Das deutet darauf hin, dass die Tiere bevorzugt eine Seite ihres Kiefers nutzten – ähnlich wie Menschen Rechts- oder Linkshänder sind.
Diese sogenannte Lateralisierung gilt bei modernen Tieren oft als Hinweis auf komplexe neuronale Verarbeitung und fortgeschrittenes Verhalten. Die frühen Oktopusse könnten also bereits erstaunlich komplexe Verhaltensmuster und möglicherweise frühe Formen höherer Intelligenz entwickelt haben.
Wirbellose an der Spitze der Nahrungskette
Lange gingen Paläontologen davon aus, dass urzeitliche Meeresökosysteme vor allem von großen Wirbeltieren dominiert wurden, während wirbellose Tiere eher niedrigere Positionen in der Nahrungskette einnahmen.
Die neuen Ergebnisse stellen dieses Bild infrage. Demnach könnten riesige Kraken eine seltene Ausnahme gewesen sein: wirbellose Tiere, die sich zu gigantischen, intelligenten Spitzenräubern entwickelten. Die Forscher sehen darin den ersten direkten Beleg dafür, dass auch Wirbellose in von Wirbeltieren dominierten Ökosystemen die oberste trophische Ebene erreichen konnten. Entscheidend dafür seien starke Kiefer und der Verlust äußerer Schutzskelette gewesen – Eigenschaften, die sowohl Oktopusse als auch große marine Wirbeltiere teilen.
Die Kombination aus digitaler Fossiliensuche und künstlicher Intelligenz könnte nun weitere verborgene Fossilien ans Licht bringen – und damit das Bild urzeitlicher Ozeane grundlegend verändern.
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Recherchequelle: Science
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