Hinweise auf „phonetisches Alphabet“ bei Pottwale
Berkeley (USA) – Dass Wale mittels ihrer „Gesänge“, Pfeif- und Klicklaute auf komplexe Wesie miteinander kommunizieren ist bekannt. Eine neue Studie hat in diesen Lauten der Meeressäuger nun Hinweise auf ein überraschend komplexes Kommunikationssystem entdeckt. Demnach verfügen die Tiere offenbar über eine Art phonetisches Alphabet, das in seiner Struktur Parallelen zur menschlichen Sprache aufweist.

Copyright: Will Falcon aka Vitaly Sokol (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 4.0
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Wie das Team um Gašper Beguš von der University of California aktuell im Fachjournal „Proceedings B“ der Royal Society (DOI: 10.1098/rspb.2025.2994) berichtet, legen die jüngsten Forschungsergebnisse nahe, dass die Kommunikation von Pottwalen zu den bislang menschenähnlichsten bekannten Kommunikationssystemen im Tierreich gehören könnte.
Klicklaute mit sprachähnlicher Struktur
Im Zentrum der Untersuchung des CETI-Projects (Cetacean Translation Initiative,, das sich der Entzifferung der Wal-Sprache und der Kommunikation mit den Tieren widmet), stehen sogenannte „Codas“ – kurze Serien von Klicklauten, mit denen Pottwale offenbar in direktem Austausch miteinander kommunizieren. Diese Laute wurden über mehrere Jahre hinweg im Rahmen des „Dominica Sperm Whale Project“ aufgezeichnet.
Neu ist vor allem die Analyse sogenannter „Vokale“ innerhalb dieser Klickmuster. Mithilfe moderner Methoden des maschinellen Lernens identifizierten die Forschenden unterschiedliche Lautqualitäten sowie Kombinationen, die in ihrer Struktur an Vokale (a, e, i, o, u) und Diphthonge (au, eu, äu, ei (oft als [aɪ̯] gesprochen) sowie seltener ai, oi, ui) innerhalb der menschlichen Sprachen erinnern. Dabei zeigte sich, dass diese Lautmuster systematisch variieren – etwa in der zeitlichen Abfolge der Klicks oder in deren Rhythmus. Diese Variationen könnten eine ähnliche Funktion erfüllen wie Tonhöhen oder Betonungen in menschlichen Sprachen.
Parallelen zu menschlicher Sprache
Besonders auffällig sind die Ähnlichkeiten zu tonalen Sprachsystemen wie dem Chinesischen. Dort kann eine Veränderung der Tonhöhe die Bedeutung eines Wortes vollständig verändern. Auch bei Pottwalen scheinen feine Unterschiede im Rhythmus und in der Abfolge der Klicks unterschiedliche Informationen zu transportieren.
Die Forschenden ziehen zudem Vergleiche zu Sprachen wie Latein oder Slowenisch, in denen Lautstruktur und Betonung ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Dennoch betonen sie, dass die Bedeutung der einzelnen Lautfolgen bislang nicht entschlüsselt ist.
Entscheidend ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Kommunikation der Tiere eine bislang unerwartete strukturelle Tiefe aufweist. Damit rückt sie deutlich näher an menschliche Sprachsysteme heran, als es bei anderen Tierarten bislang beobachtet wurde.
Künstliche Intelligenz als Schlüssel
Eine zentrale Rolle bei der Analyse spielte der Einsatz künstlicher Intelligenz. Spezielle Algorithmen, sogenannte Generative Adversarial Networks (GANs), wurden genutzt, um Muster in den umfangreichen Datensätzen zu erkennen.
Diese Systeme können komplexe Strukturen in großen Datenmengen identifizieren und so Hinweise auf wiederkehrende Lautmuster liefern. Die detaillierte Interpretation bleibt jedoch weiterhin Aufgabe menschlicher Forschender. Die Kombination aus KI-Analyse und klassischer linguistischer Auswertung eröffnete erstmals die Möglichkeit, die Kommunikation von Pottwalen auf einer tieferen strukturellen Ebene zu untersuchen.
Pottwale verbringen den Großteil ihres Lebens in großen Tiefen, wo sie auf Nahrungssuche gehen. Nur etwa zehn Minuten pro Stunde halten sie sich an der Oberfläche auf. Genau in diesen Phasen scheint ein intensiver sozialer Austausch stattzufinden. Die Forschenden vergleichen diese Momente mit einer Art „Treffpunkt“, an dem die Tiere Informationen austauschen. Die analysierten Codas wurden überwiegend bei direkter Interaktion zwischen einzelnen Walen aufgezeichnet.
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Perspektiven für die Entschlüsselung
Langfristig hoffen die Wissenschaftler, konkrete Bedeutungen einzelner Lautmuster identifizieren zu können. Ziel ist es, innerhalb der nächsten Jahre eine begrenzte Anzahl von „Ausdrücken“ zu verstehen – etwa im Zusammenhang mit Verhalten wie Tauchen oder Ruhen.
Bereits jetzt konnten mehr als 150 unterschiedliche Klickmuster unterschieden werden, die möglicherweise eine Art Vokabular bilden oder zumindest regionale Dialekte widerspiegeln. Die Forschenden gehen davon aus, dass sich die Kommunikationssysteme verschiedener Pottwal-Populationen unterscheiden könnten – ein weiteres Merkmal, das Parallelen zur menschlichen Sprache aufweist.
Einblick in fremde „Innenwelten“ einer nicht-menschlichen Intelligenz
Die Studie liefert nicht nur neue Erkenntnisse über die Kommunikation von Meeressäugern, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen über die Natur von Sprache und Intelligenz auf. Sollte es gelingen, die Bedeutung der Wal-Laute zu entschlüsseln, könnte dies erstmals einen direkten Zugang zu den „inneren Welten“ einer nicht-menschlichen Spezies ermöglichen.
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Recherchequelle: University of California
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