Studie: Entzündungen in der Kindheit könnten spätere außerkörperliche Erfahrungen beeinflussen
Essex (Großbritannien) – Außerkörperliche Erfahrungen – das Gefühl, den eigenen Körper von außen wahrzunehmen oder von ihm getrennt zu sein – gehören zu den faszinierendsten und zugleich rätselhaftesten psychologischen Phänomenen. Eine neue Studie deutet darauf hin, dass bestimmte Entzündungsprozesse bereits in der Kindheit mit dem späteren Auftreten solcher Erfahrungen zusammenhängen könnten.

Copyright;: grewi.de (KI generiert)
Inhalt
Wie Evelyn Dilkes, Katie Daughters und Helge Gillmeister von der University of Essex vorab via MedRxiv.org berichten, untersuchten sie insbesondere Depersonalisation und Derealisation – zwei Formen dissoziativer Erfahrungen: Während Betroffene einer Depersonalisation häufig berichten, sich selbst wie von außen zu beobachten oder den eigenen Körper als fremd zu erleben, beschreibt Derealisation das Empfinden, die Umgebung erscheine unwirklich oder traumartig. Vor allem Depersonalisation kann mit außerkörperlichen Erfahrungen und dem Eindruck verbunden sein, das Bewusstsein sei vom Körper getrennt.
Kindliche Entzündungswerte mit späteren Symptomen verglichen
Für ihre Untersuchung nutzten die Forscherinnen und Forscher Daten der britischen Langzeitstudie Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC). Dabei wurden Konzentrationen der Entzündungsmarker Interleukin-6 (IL-6) und C-reaktives Protein (CRP) bereits im Kindes- und Jugendalter bestimmt und anschließend mit Angaben zu Depersonalisations- und Derealisationssymptomen im Alter von 12, 17 und 24 Jahren verglichen.
Mittels statistischer Modelle analysierte das Forschungsteam, ob erhöhte Entzündungswerte Jahre später mit entsprechenden Erlebnissen zusammenhängen. Dabei wurden mögliche Einflussfaktoren wie Geschlecht, ethnische Herkunft und sozialer Hintergrund berücksichtigt.
Zusammenhang mit Depersonalisation
Das deutlichste Ergebnis zeigte sich beim Entzündungsmarker Interleukin-6. Kinder mit erhöhten IL-6-Werten im Alter von neun Jahren entwickelten als junge Erwachsene signifikant häufiger Symptome einer Depersonalisation.
Die Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass Entzündungsprozesse während wichtiger Entwicklungsphasen des Gehirns langfristige Auswirkungen auf die Verarbeitung des eigenen Körper- und Selbstempfindens haben könnten. Da Depersonalisation häufig mit dem Gefühl einhergeht, den eigenen Körper wie ein außenstehender Beobachter wahrzunehmen, könnten diese Ergebnisse auch für das Verständnis außerkörperlicher Erfahrungen von Bedeutung sein.
Unterschiedliche biologische Ursachen?
Beim zweiten untersuchten Entzündungsmarker, dem C-reaktiven Protein (CRP), ergab sich ein anderes Bild. Höhere CRP-Werte standen zwar im Alter von zwölf Jahren mit einer größeren Wahrscheinlichkeit für Derealisationssymptome in Verbindung, dieser Zusammenhang kehrte sich im Alter von 24 Jahren jedoch um.
Nach Ansicht der Autoren spricht dies dafür, dass Depersonalisation und Derealisation möglicherweise auf unterschiedlichen biologischen Mechanismen beruhen. Obwohl beide Phänomene häufig gemeinsam auftreten, könnten sie demnach verschiedene neurobiologische Ursachen besitzen.
Keine „Erklärung“ für Natur außergewöhnliche Erfahrungen
Die Autoren betonen ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse keine Aussage über die tatsächliche Natur außerkörperlicher Erfahrungen erlauben. Die Studie untersucht ausschließlich mögliche Zusammenhänge zwischen Entzündungsprozessen und bestimmten Formen dissoziativen Erlebens. Ob und in welchem Umfang sich daraus Rückschlüsse auf außergewöhnliche Erfahrungen ziehen lassen, bleibt offen.
Vielmehr sehen die Forscher ihre Ergebnisse als Hinweis darauf, dass das Immunsystem und neuroinflammatorische Prozesse möglicherweise stärker an der Entstehung bestimmter Veränderungen des Selbstempfindens beteiligt sind als bislang angenommen. Weitere Studien sollen nun klären, welche biologischen Mechanismen diesen Zusammenhängen zugrunde liegen und ob sich daraus langfristig neue Ansätze zur Früherkennung oder Behandlung ableiten lassen.
WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
Außerkörperliche Erfahrungen: Bewältigungsstrategien statt psychotisches Symptom 16. Juni 2025
Neuro-Studie zu den Neuro-Mechanismen außerkörperlicher Erfahrungen 25. Juni 2024
Recherchequelle: medRxiv.org
© grewi.de
