Rätselhafter Hominine hinterließ ungewöhnlich große Fußspuren an Urzeit-See in Afrika
Leipzig (Deutschland) – Im Norden Kenias hat ein internationales Forschungsteam ungewöhnlich große fossile Fußspuren von Paranthropus boisei entdeckt, die der Frühmensch hier vor rund 1,4 Millionen Jahren an einem damaligen Seeufer hinterlassen hat.

Copyright/Quelle: Kay Behrensmeyer / Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Inhalt
Wie das Team um Kevin Hatala von der Chatham University in Pittsburgh (USA) und assoziierter Wissenschaftler der Abteilung für Menschliche Ursprünge am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig aktuell im Fachjournal „PNAS“ (DOI: 10.1073/pnas.2530996123) berichtet, liefern die außergewöhnlich gut erhaltenen Abdrücke eine Momentaufnahme des Verhaltens einer Gruppe dieser frühen Homininen und zugleich überraschende Erkenntnisse über deren Körpergröße, Sozialstruktur und Lebensraum.
Acht Individuen gemeinsam unterwegs
Die in der Region East Turkana entdeckten Spuren stammen von acht Individuen, die sich offenbar zur selben Zeit entlang eines Seeufers bewegten. Mithilfe einer 2024 entwickelten Analysemethode konnten die Forschenden die Fußabdrücke anhand ihrer Anatomie und charakteristischen Bewegungsmuster eindeutig der ausgestorbenen Menschenverwandten-Art Paranthropus boisei zuordnen.
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Da fossile Fußspuren innerhalb kurzer Zeit entstehen und konserviert werden, bieten sie seltene Einblicke in das tatsächliche Verhalten ausgestorbener Homininen. Die Forschenden sprechen deshalb von einer Momentaufnahme „fossilen Verhaltens“, die weit über die Informationen hinausgeht, die sich aus einzelnen Knochenfunden gewinnen lassen.
Ein wahrer Urzeit-Bigfoot
Besonders überraschend war die Größe der Fußabdrücke. Sie deuten darauf hin, dass einige der Individuen eine Körpergröße von bis zu 1,80 Metern und ein Gewicht von etwa 75 Kilogramm erreicht haben könnten. Damit wären sie deutlich größer als bisherige Rekonstruktionen auf Grundlage der wenigen bekannten Skelettreste vermuten ließen.
Bislang stützte sich das Wissen über Paranthropus boisei vor allem auf Schädel mit den charakteristisch kräftigen Kiefern und großen Backenzähnen. Über den übrigen Körperbau war dagegen vergleichsweise wenig bekannt. Die neuen Befunde stellen daher frühere Annahmen infrage, wonach Paranthropus boisei deutlich kleiner gewesen sein soll als der zeitgleich lebende Homo erectus.
Hinweise auf komplexes Sozialverhalten
Auch die Zusammensetzung der Gruppe liefert neue Erkenntnisse. Nach Einschätzung der Forschenden handelt es sich überwiegend um erwachsene männliche Individuen, während Hinweise auf Frauen oder Kinder fehlen.
Dieses Muster könnte auf eine komplexe Sozialstruktur hindeuten. Die Autoren vermuten, dass Paranthropus boisei möglicherweise in größeren Gruppen lebte, in denen männliche Artgenossen zwar um Fortpflanzungspartner konkurrierten, sich gleichzeitig aber gegenseitig tolerierten. Ein solches Verhalten könnte in einer potenziell gefährlichen Umgebung einen besseren Schutz geboten haben.

Copyright/Quelle: Kay Behrensmeyer / Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Die neuen Fußspuren ergänzen damit die bisherigen Fossilfunde erstmals um direkte Hinweise auf das Sozialverhalten dieser ausgestorbenen Homininen-Art, die über längere Zeiträume gemeinsam mit frühen Vertretern der Gattung Homo lebte, jedoch einen anderen evolutionären Weg einschlug.
Seeufer als bevorzugte Lebensräume
Die Entdeckung fügt sich in eine wachsende Zahl fossiler Fußspuren ein, die entlang ehemaliger Uferzonen in Ostafrika gefunden wurden. Diese Befunde sprechen dafür, dass Seeufer über lange Zeiträume hinweg wichtige Lebensräume für frühe Menschenverwandte waren und ihnen Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen boten.
In der Region East Turkana dokumentierte das Forschungsteam inzwischen Hunderte fossile Homininen-Fußspuren an mehr als einem halben Dutzend Fundstellen. Bemerkenswert ist dabei, dass zwei etwa 40 Kilometer voneinander entfernte Gebiete nahezu gleich alte Uferablagerungen mit vergleichbaren Spuren aufweisen.
Nach Ansicht der Forschenden könnte ein besseres Verständnis der geologischen Bedingungen, die die außergewöhnliche Erhaltung der Fußabdrücke ermöglichten, auch erklären, warum Homininen über einen Zeitraum von mehr als 100.000 Jahren immer wieder dieselben Seeuferlandschaften aufsuchten.
Ein „Fotoalbum“ der menschlichen Evolution
Noch im Laufe dieses Jahres will das Forschungsteam die Arbeiten in Kenia fortsetzen. Jede neu entdeckte Fundstelle liefere eine weitere Momentaufnahme aus dem frühen Pleistozän. Zusammen könnten diese einzelnen Szenen nach und nach ein immer vollständigeres „Fotoalbum“ der frühen Menschheitsgeschichte entstehen lassen.
Nach Ansicht der Forschenden zeigt die Studie eindrucksvoll, welchen wissenschaftlichen Wert fossile Fußspuren besitzen. Sie erlauben nicht nur Rückschlüsse auf Anatomie und Fortbewegung ausgestorbener Menschenverwandter, sondern eröffnen zugleich seltene Einblicke in deren Sozialleben und die Landschaften, in denen sie vor mehr als einer Million Jahren lebten. Die Funde unterstreichen darüber hinaus die herausragende Bedeutung der Region um den Turkana-See für die Erforschung der menschlichen Evolution und die Notwendigkeit, dieses einzigartige paläoanthropologische Erbe dauerhaft zu schützen.
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Recherchequelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, PNAS
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