Homo naledi: Ausgestorbene Menschenart bestattete nur Frauen
Kopenhagen (Dänemark) – Eine erste Analyse Proteinfragmente aus den Zähnen von Homo naledi – einer ausgestorbenen Menschenart, deren Fossilien 2013 im südafrikanischen Rising-Star-Höhlensystem entdeckt wurde – liefert ein überraschendes Ergebnis: Keiner der untersuchten Zähne enthielt den Proteinmarker Amelogenin-Y, der ausschließlich auf dem Y-Chromosom vorkommt und somit männliche Individuen kennzeichnet.

Copyright/Quelle: Berger et al. / eLife 2017 / CC BY 4.0
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Wie das internationale Forschungsteam um die Molekularwissenschaftlerin Palesa Madupe von der Universität Kopenhagen aktuell im Fachjournal „Cell“ (DOI: 10.1016/j.cell.2026.05.044) berichtet, basiert die Analyse auf 23 Zähnen von mindestens 20 Individuen. Laut den Berechnungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen liegt die Wahrscheinlichkeit, ein solches Ergebnis zufällig zu erhalten, bei etwa eins zu einer Million.
Die Studie eröffnet damit die Möglichkeit, dass in der untersuchten Höhlenkammer ausschließlich weibliche Individuen bestattet wurden – ein Verhalten, das bislang nur aus Kulturen des modernen Menschen bekannt ist.
Proteine statt DNA
Im Gegensatz zur DNA, die in warmen Klimazonen oft nur schlecht erhalten bleibt, bieten Proteine im Zahnschmelz deutlich bessere Voraussetzungen für Untersuchungen über sehr lange Zeiträume. Da Zahnschmelz das härteste Gewebe des menschlichen Körpers ist, schützt er die darin eingebetteten Proteine über Hunderttausende oder sogar Millionen Jahre vor Umwelteinflüssen.
Für die Analysen entnahm das Team mithilfe eines nur minimal zerstörerischen Säureätzverfahrens winzige Proteinfragmente (Peptide), die anschließend mittels Massenspektrometrie identifiziert wurden.
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Rätsel um fehlende Größenunterschiede
Die neue Studie liefert zugleich eine mögliche Erklärung für eine Beobachtung, die Forschende bereits seit der Entdeckung der Fossilien beschäftigt. Schon während der Ausgrabungen in der Dinaledi-Kammer fiel auf, dass sich die erwachsenen Individuen ungewöhnlich wenig in Größe und Körperbau unterschieden.
Normalerweise weisen Populationen früher Menschen – wie auch heutige Menschen – einen gewissen Geschlechtsdimorphismus auf, also körperliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen. Die auffallende Einheitlichkeit der Homo naledi-Fossilien galt deshalb lange als ungewöhnlich.
Sollten tatsächlich ausschließlich weibliche Individuen in der Höhlenkammer niedergelegt worden sein, könnte dies die fehlenden Unterschiede erklären.
Hinweise auf geschlechtsspezifische Bestattungen
Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren der Studie spricht das Ergebnis für eine mögliche geschlechtsspezifische Bestattungspraxis. Der Mitautor und den Homo-naledi-Mitentdecker Professor Lee Berger von der University of the Witwatersrand bezeichnet das Fehlen des männlichen Proteinmarkers bei sämtlichen untersuchten Individuen als statistisch äußerst unwahrscheinlich, sofern Männer und Frauen zufällig vertreten wären.
Homo naledi lebte vor etwa 335.000 bis 241.000 Jahren und vereinte moderne sowie archaische anatomische Merkmale. Obwohl sein Gehirn nur wenig größer als das eines Schimpansen war, mehren sich seit Jahren Hinweise darauf, dass diese Menschenart über überraschend komplexe Verhaltensweisen verfügte.
Komplexes Verhalten trotz kleinen Gehirns
Die Fossilien stammen aus dem Rising-Star-Höhlensystem, dessen spektakuläre Bergung 2013 von einem Team der sogenannten „Underground Astronauts“ durchgeführt wurde. Dabei wurden mehr als 1.500 Fossilien und rund 150 Homininenzähne geborgen – die bislang größte derartige Fossiliensammlung Afrikas.
Bereits frühere Untersuchungen desselben Forschungsteams hatten Hinweise auf kontrollierte Feuer, absichtliche Bestattungen sowie Felsgravuren geliefert (…GreWi berichtete siehe Links u.). Sollten sich nun auch geschlechtsspezifische Bestattungen bestätigen, würde dies das Bild eines deutlich komplexeren Sozialverhaltens von Homo naledi weiter untermauern.
Alternative Erklärung
Die Forschenden weisen jedoch darauf hin, dass es noch eine alternative Erklärung gibt: Denkbar wäre, dass das AMELY-Gen, das für das Amelogenin-Y-Protein verantwortlich ist, bei Homo naledi teilweise oder vollständig fehlte beziehungsweise mutiert war. Tatsächlich sind solche genetischen Veränderungen sowohl bei heutigen Männern als auch bei mindestens einem männlichen Neandertaler bereits dokumentiert worden.
Allerdings halten die Autorinnen und Autoren es für äußerst unwahrscheinlich, dass ein solcher Gendefekt ausgerechnet bei allen oder auch nur bei einem Großteil der untersuchten Individuen vorgelegen haben könnte. Sowohl eine ausschließlich weibliche Bestattungsgruppe als auch eine systematische Veränderung des AMELY-Gens hätten weitreichende Konsequenzen für das Verständnis der Biologie und Evolution dieser Menschenart.
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Recherchequelle: Cell
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